2.
In den Tagen nach unserem Wiedersehen entwickelte sich zwischen Thomas und mir eine Vertrautheit, die sich erstaunlich natürlich anfühlte. Obwohl mehr als fünf Jahrzehnte vergangen waren, mussten wir uns nicht erst neu kennenlernen. Wir erzählten uns von den Wegen, die das Leben für uns vorgesehen hatte, von verpassten Gelegenheiten, kleinen Erfolgen und den Menschen, die uns begleitet hatten. Manchmal lachten wir über Erinnerungen aus unserer Jugend, manchmal schwiegen wir einfach nur und blickten aus dem Fenster. Dieses Schweigen fühlte sich nie unangenehm an. Es war, als würden wir all die verlorenen Jahre langsam aufholen.
„Trinkst du deinen Kaffee immer noch ohne Zucker?“
Ich musste lächeln.
„Daran hat sich tatsächlich nichts geändert.“
Thomas nickte zufrieden.
„Ich wusste, dass sich manche Dinge niemals verändern.“
Je häufiger ich sein Zimmer betrat, desto deutlicher wurde mir, wie sehr ihn seine Erkrankung belastete. Dennoch sprach er kaum darüber. Stattdessen interessierte er sich für mein Leben, fragte nach meiner Arbeit und wollte wissen, ob ich mich nach meiner Rückkehr in der Stadt wieder eingelebt hatte. Seine ruhige Art beeindruckte mich jeden Tag aufs Neue.
Eines Morgens wurde sein Blick plötzlich ernster.
„Nancy, hast du eigentlich Familie hier?“
„Nur einen entfernten Cousin. Raymond.“
Kaum hatte ich den Namen ausgesprochen, bemerkte ich, wie Thomas für einen kurzen
Augenblick nachdenklich wurde.
„Besucht er dich oft?“
„Er ruft in letzter Zeit regelmäßig an.“
Thomas nickte langsam, wechselte dann aber das Thema. Damals schenkte ich dieser Reaktion keine besondere Beachtung. Erst viel später sollte ich verstehen, weshalb ihn dieser Name so beschäftigt hatte.
Zur gleichen Zeit wurden Raymonds Anrufe immer häufiger. Fast jedes Gespräch begann freundlich, doch schon nach wenigen Minuten stellte er Fragen, die mich zunehmend irritierten.
„Nancy, hast du eigentlich schon geregelt, wer sich später einmal um deine Unterlagen kümmert?“
„Darüber mache ich mir keine Sorgen.“
„Man sollte in unserem Alter vorsorgen. Ein Testament, Vollmachten oder Bankangelegenheiten sollten frühzeitig geklärt sein.“
Ich antwortete ausweichend und beendete das Gespräch. Irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Dennoch wollte ich niemandem etwas unterstellen.
Einige Tage später bat mich Thomas, mich für einen Moment zu ihm zu setzen. Seine Stimme klang ruhig, gleichzeitig lag etwas Besonderes in seinem Blick.
„Nancy, ich möchte dich etwas fragen.“
„Natürlich.“
Er nahm vorsichtig meine Hand.
„Ich habe dich all die Jahre nie vergessen. Auch wenn unser Leben unterschiedliche Wege gegangen ist, bist du immer ein Teil meines Herzens geblieben.“
Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.
„Thomas…“
„Es gibt einen Wunsch, den ich seit Jahrzehnten mit mir trage.“
Er machte eine kurze Pause.
„Möchtest du meine Frau werden?“
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Ich hatte niemals damit gerechnet, diese Frage noch einmal in meinem Leben zu hören. Vor meinem inneren Auge erschien plötzlich wieder der Busbahnhof von damals. Der Abschied. Seine letzten Worte. All die Jahre, in denen wir uns nie begegnet waren.
„Ich weiß, dass diese Bitte überraschend kommt“, sagte er leise.
„Aber ich wollte sie dir stellen, solange ich es noch selbst kann.“
Meine Hände zitterten leicht. Vernunft und Gefühl kämpften miteinander. Gleichzeitig wusste ich tief in meinem Herzen, dass ich diese Entscheidung niemals bereuen würde.
„Ja, Thomas.“
Mehr konnte ich nicht sagen.
Seine Augen begannen zu leuchten.
„Danke, Nancy.“
Er drückte meine Hand etwas fester.
„Du wirst irgendwann verstehen, warum mir diese Hochzeit so wichtig ist.“
Damals glaubte ich, seine Worte seien nur Ausdruck seiner Gefühle. Ich ahnte jedoch nicht, dass sich hinter diesem Wunsch noch ein weiterer Grund verbarg, der schon sehr bald ans Licht kommen sollte.Ti.p.pen Sie auf das F.oto, um den voll.ständigen Artikel anz.uzei.gen
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